Baumklettern mit Res Ramsauer – ein Erlebnisbericht

Res Ramsauer führte einen Pflanzauftrag aus, während ich in meinem Atelier am Arbeiten war. Ich brachte ihm den Kaffee in den Garten und so fragte er mich nach meiner Tätigkeit. Ich lud ihn ein, doch in mein Atelier zu kommen. Dort war er fasziniert von meiner Bilderwelt und spontan sagte er zu mir: „Ich muss dich einmal auf einen Baum mitnehmen!“ Auf einen Baum zu klettern tönte für mich verlockend. So vereinbarten wir uns spontan zu diesem Abenteuer.

An einem ruhigen Sonntagmorgen im Juli war es soweit. Wir packten die Rucksäcke, Res gab mir die ersten Instruktionen und danach wanderten wir los auf den Ramsenburghügel. Eine prächtige, kraftvolle hohe Buche war zum Besteigen auserkoren. Für mich war es beeindruckend, wie Res diesem Baum begegnete. Zielsicher platzierte er das Wurfseil, damit er danach für sich das erste Seil hochziehen konnte. Auch mein Seil platzierte er gekonnt, um es danach zu knoten und zu testen. Dann pflegte er den Weg nach oben, indem er dörre, brüchige Äste entfernte. Während dieser Zeit übte ich selber mit einem dünnen Wurfseil. Was bei ihm einfach und elegant aussah, war für mich voller Tücke.

Und dann ging das Klettern los! Oh, ich spürte eine Menge Muskeln, die gefordert wurden. Obwohl Res mich mit seiner Kraft sehr unterstützte, war dieses Hochhieven am Seil doch mit grosser Anstrengung verbunden. Zum Glück trugen wir Handschuhe. Die einfache Seiltechnik faszinierte mich, da ich keine Übung in der Seilsicherung hatte. Ich hatte von Anfang an grosses Vertrauen in Res. So konnte ich mich dem Klettern und vor allem mehr und mehr dem Baum hingeben. Nach der ersten Verschnaufpause mit Blick durch Äste und Blätter ging es weiter und weiter nach oben. Aus der Ferne schlug die Herisauer Kirchenuhr 11 Uhr. Res meinte, dass wir nun in einer schönen „Stube“ angekommen seien und Zeit für eine Zwischenverpflegung sei. Er packte aus seiner Tasche, die er an Karabinern befestigt hatte, die Keramiktassen für den Kaffee aus, schenkte ein und wir assen Biber und Birnbrot. Ein einzigartiges Vergnügen in luftiger Höhe mit Weitblick zum Horizont. Einmalig, diese Kraft inmitten der Baumkrone zu spüren inmitten von Ästen, Blätter im durchschimmernden Blau des Himmels! Es war wirklich himmlisch, dieses Aufwärtsstrebende selber zu spüren. Res nutzte immer wieder die Gelegenheit, um Fotos zu machen. Einem Äffchen gleich bewegte er sich elegant in dieser Baumwelt. Auf meinen Wunsch hin kletterten wir weiter hoch zum „Estrich“ und dort war für mich der krönende Höhepunkt. So hoch oben! Die hügelige Horizontlinie lag unterhalb der Augenhöhe! Die Eigenschwingung des Baumes war jetzt ganz besonders zu spüren. Ich fühlte mich durch und durch erhaben, einfach gigantisch! Res machte nun einen kurzen Trip zu der Nachbarsbuche und richtete gleich eine kurze Seilbrücke ein. „Hast du Lust, um herüber zu kommen?“, fragte er mich. Er traute mir das ohne weiteres zu. Der Sicherungsknoten war straff angezogen und so war es für mich einfach beglückend, hier oben noch in eine andere Baumstube hinübertreten zu können.

Zurück auf unserem Kletterbaum ging es dann von Ast zu Ast abwärts. Bei einem geeigneten Ast zeigte mir Res, wie er jeweils in die Astspitzen spaziert oder mit den Händen sich raus hangelt. Auch dieses Gefühl wollte ich erfahren. Ich konnte sogar im Sitz nach hinten kippen und mich total hängen lassen, ein wunderbar entspannendes Gefühl. Am Langseil liess mich Res dann „tarzanmässig“ ausschwingen die letzten Meter hinab, immer näher und näher zum Grund, um dann auf der Burgringmauer sicher aufzusetzen.

Überglücklich war ich, dass ich dieses eindrückliche Naturabenteuer erleben durfte. Ich war tief erfüllt von dieser faszinierenden Baumwelt. Für mich als Malerin war diese Erfahrung prägend und die Beziehung zum Baum und zum Wald hat sich für mich nachhaltig vertieft. Vielen Dank, Res, dass du mir dieses unvergessliche Erlebnis ermöglicht hast!

Barbara Grob-Nef